Kanada
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Gelebte Freiheit an der Ostküste New Brunswick’s

Nun geht’s weiter Richtung Norden. Ich fuhr die Ostküste New Brunswick’s entlang zum Kouchibouguac-Nationalpark und besuchte am Ende die Familie eines Freundes aus St. John’s. Der schöne Herbst in der Region war ständiger Begleiter.

Um weiter in den Westen Kanadas zu kommen muss ich nun einen weiten Bogen um den US-Bundesstaat Maine fahren, der auf direkter Strecke leider im Weg ist. Die Ausreise – Einreise – Schwierigkeiten wollte ich mir ersparen. Mein Ziel war es, durch Kanada zu fahren. Biko aus der Young-Street WG in St. John’s, lud mich damals ein, bei seinen Eltern halt zu machen. So lag mein nächstes Ziel in Tracadie an der Ostküste New Brunswick’s. Auf dem Weg dahin liegt der Kouchibouguac-Nationalpark welchen ich als erstes ansteuerte.

Kouchibouguac-Nationalpark ohne Sprachschwierigkeiten

Wie man an dem Namen schon hört, wird auch hier großer Wert auf den Erhalt der Kultur kanadischer Ureinwohner gelegt. Ich kam wiedereinmal erst nach Sonnenuntergang im Park an, schnell Info-Material geholt um für die nächsten Tage einen kleinen Plan zu machen.

Am Morgen wachte ich auf und hörte lauter Gebrabbel in bekannter Sprachmelodie, ich schob den Vorhang zur Seite und sah Deutsche. Ich stellte an dem Tag fest das die einzigen Besucher des Parks deutsche waren. Wir waren Überall. Also die. Aber dazu später mehr.

Die Besonderheit dieses Parks ist eher die Küsten-/Seenlandschaft und nicht Berge. Trotz der geringen Größe (238 km²) sind mehrere Bären anwesend, wie ich an unzähligen Haufen auf den Wanderwegen sehen konnte. Die eigentliche Hauptakttaktion ist jedoch die Robbenkolonie an einem 4km entfernten Küstenzipfel. Nichts von dem habe ich am Ende wirklich gesehen, das Wetter war einfach zu mies um an dem Tag am Strand spazieren zu gehen. Ich hatte ein interessantes Gespräch mit der Rangerin, des für diese Saison längst geschlossenen Parks. Selbst Wölfe sollen sich wieder in diese Gebiete des Süd-Ostens vor getraut haben. Sie haben vor mehr als hundert Jahren ihre Jagdgründe an Kojoten abgegeben. Ein kürzlich in der Region gefundener Lupus trug überwiegend Wolf-DNA in sich.

Wolf hin oder her, auch dieses Tier habe ich nicht gesehen dafür aber einen Graureiher.
Ich war auch eher spazieren auf den kurzen Wanderwegen im Park. Auf einem Parkplatz am „Strand“ machte ich halt für eine kurze Rast. Hier traf ich Christophe und Inga mit ihrem legendären Mitsubishi L300 der gut ausgestattet nach Kanada verschifft wurde. Zu diesem komisch unter-proportionierten japanischen Van, fühle ich eine tiefe Verbindung. Wir hatten ihn damals als Lieferwagen. Ich bin als Kind immer auf dem Beifahrersitz bei Vati oder Mutti mitgefahren.
Die zwei Reisenden aus dem deutschen Grenzgebiet zu Frankreich und Meinerseits, vereinbarten uns gemeinsam „spazieren“ zu gehen und den Tag zu verbringen.
Nach einer kleinen Runde durch den Wald suchten wir eine Waldhütte auf, in der man Kochen und den Abend verbringen konnte. Hier trafen wir nun alle restlichen Besucher des Parks mit ihren Campingwagen, denn der Campground war für diese Saison schon geschlossen. Da waren wir nun Wessis, Ossis, Schweizer alle auf einem Haufen, irgendwo in Kanada.
Als dann von bestimmten Anwesenden (wahrscheinlich kulturell bedingt) begonnen wurde, sich über kleine und große Sachen zu echauffieren, bemerkte ich sofort was ich auf keinen Fall an zu Hause vermisste.
Für das Abendbrot, ein Griller’chen fuhren wir mit dem Mitsubishi einkaufen. Man, da kamen Kindheitserinnerungen auf. Die Haptik, der Sound, die Schaltung, man sitzt einfach auf dem Motor direkt vorn, es war wie früher. Schön.

Die Schweizer hatten die Feuerstelle ange(c)heizt, in der Zeit in der wir uns Verfahren hatten. Unter den letzten Sonnenstrahlen grillten wir und ich machte ein paar Aluhut-Kartoffeln. Nach dem Essen spielten wir noch mit französischen Wanderern Extrem-UNO in der Waldhütte. Ein gelungener Abend. Am nächsten Tag trennten wir uns wieder.

Ich blieb noch einen Tag im Park und ging verschiedene kurze Wanderwege spazieren bevor mich die gratis Dusche (warm) ins Strandhaus lockte. Kehrte zur Waldhütte zurück, war diesen Abend jedoch allein vor Ort.
Am Holz-Koch-Ofen wurde glücklicherweise frisches Brennholz bereit gestellt, so konnte ich nen feinen Eintopf kochen und der Hütte einheizen. Solche feinen Unterkünfte habe ich in keinem Park vorher entdeckt. Es bietet sich perfekt an in dem geschlossenem Häuschen den Abend zu verbringen und mal wieder Gitarre zu üben. Ich legte mich zufrieden und ungestört ins Bett.

Morgens. Früh Morgens. Sonnenaufgang. Eine Gruppe Menschen trifft sich unweit meines Wagens. Meine spärliche Realisation der Begebenheit spekulierte auf eine Wandergruppe, die sich traf um naja, sagen wir mal wandern zu gehen. Ich schloss wieder die Augen und schlief weiter. Drei stunden später, ein lauter Knall riss mich aus meinen Träumen. Als ich aufwachte, dachte mein schlafendes „Ich“ die Gruppe sei zurück auf den Parkplatz gekehrt. Dafür war aber zu viel Trubel um mich herum und warum dieser Knall, irgendwas ist hier los.
Langsam traute ich mich heraus zu schauen, der ganze Parkplatz war voll mit Autos. Nicht nur das, es waren überall aktiv gekleidete Menschen in Luftwiederstands-absorbierender Kleidung. Diese stöckelnden mit Inlineskates an mir vorbei nachdem der Startschuss erklang.
Ich stand mit meinem Auto direkt hinter der Ziel-Einfahrt eines Trockenlanglauf-Rennens. Es fühlte sich an als würde das Event direkt in meinem Schlafzimmer stattfinden. Ich quälte mich aus dem Wagen, ging völlig im tran auf eine mir als Organisitorin erscheinende Person zu und fragte wie ich von dem Parkplatz herunter komme ohne die „Rennstrecke“ zu stören? Erstmal gar nicht, war die überraschte Antwort. Erst gegen Mittag wenn das Event vorbei ist. Es war irgendwie lustig, da ich den ganzen Morgen schon auf dem Parkplatz stand, wurde ich vorher schon registriert. Am Ende hatte ich nun genügend Zeit ausgiebig zu Frühstücken.

Pure kanadische Herzlichkeit

Vor der Siegerehrung wurde die Strecke wieder freigegeben und das vierrädrige Startfeld konnte aufbrechen. Auf dem Weg nach Tracadie, am nordöstlichen Zipfel New Brunswick’s kam schlechtes Wetter auf, ich fuhr auch direkt an der Küste des St. Lorenz Golfes. Das Haus der Familie habe ich recht gut gefunden, es klarte auf und am Ziel verabschiedete sich der Tag in einem lila-rosafarbenem Opus. Nach der freundlichen Begrüßung mit Rosalie, Paul und ihren zwei Hunden, gab es leckeres Abendbrot. Rosalie hatte für mich extra eine Gemüsesuppe gekocht, speziell mit Kirschtomaten und Quinoa, äußerst schmackhaft.
Nach dem leckeren Essen gab es leckeres Bier aus des Sommelier’s Bar. Wir verkosteten einige Biere lokaler Micro-Breweries und quatschten über dies und das. Ich übte ein wenig französisch um mich schon mal auf Québec einzustimmen. Englisch klappte aber auch prima. Im laufe des Abends kamen noch Biko’s Bruder Zacki und seine Freundin Andrea hinzu. Ich genoss die erste Nacht in einem geschlossenem Raum und einem Bett seit anderthalb Monaten.

Nach einem super-reichhaltigen Frühstück mit dem leckersten Kaffee den ich kenne (Haselnuss-Vanille-Geschmack), fuhr ich mit Andrea und Zacki in den Wald des nahegelegenen Militärgeländes von Pointe A Tom (ich finde den Ortsnamen ein wenig zu auffällig). Ein riesiger stillgelegter Landstrich, durchgezogen mit rudimentären Dreckstraßen, Flüssen und viel Natur. Die zwei auf der Enduro und ich mit dem Allrad hinterher. War eine geile Spielwiese. Wir besuchten einen schönen Ort am Flussufer, dazu musste ich durch ein ziemlich dichtes Stück Wald, der Lack war durch meinen Vorbesitzer eh schon hin, also machte ich mir keine Sorgen als ich es links und rechts quietschen hörte. Wir besuchten einen alten Übungsbunker, farblich in Szene gesetzt durch lokale Kleinkünstler und ein riesiges Heidelbeer-Feld. Im Herbst leuchteten die Felder purpurrot so weit das Auge blicken kann. Auf dem Rückweg zogen wir noch ordentlich am Zünder, ich gab den 250 Pferden die Peitsche und jagte den Karren durch Schlamm und jede Pfütze die ich fand, denn da gehört er auch hin. Was ein Gaudi!


Musik: Children of Technology - Eaten Dust Overload

Als wir zurück waren kochte Andrea noch super-leckere gefüllte Süßkartoffeln mit einer indischen Minzsoße die ich kaum in Worte fassen kann. Meine marginale Assistenz deckte den Tisch. Zwischendurch zeigte mir Paul seine Werkstatt, wir inspizierten die Enduro und das Sea-Doo. Ich erklärte ihm was man in Deutschland alles nicht darf mit diesen Gefährten. Zwischen der Freiheit liegen Welten. Die Zeit hier war so angenehm, es war eine Rast für die Seele. Ich fühlte mich so wohl, dass es mir schwer viel weiter zu ziehen. Mit ein paar warmen Klamotten für den Winter und frisch gemahlenen Lieblingskaffee wurde ich verabschiedet. Ich durfte feststellen das ich den Zwirn schon bald gebrauchen werde.

Denn meine Reise zeigte aufwärts gen Norden, es ging nach Québec.

3 Kommentare

  1. Edding sagt:

    Bestimmt Telefonieren schon die Nationalpark Dienstleister untereinander und berichten von einem deutschen Typen der vor Sonnenuntergang immer aufschlägt und auf dem Gelände herum lungert 😀
    Schöner Blog

  2. Paul Brideau sagt:

    Ich freue mich, dass Sie Ihren Aufenthalt in unserem Haus in Pointe-a-Tom genossen haben, und dass Sie immer wieder hier willkommen sind. Vielleicht kannst du den Sea-Doo ausprobieren.
    Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise durch Kanada, Sie wissen jetzt, wie groß sie ist.
    Paul & Roseline

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